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Handball – 3. Liga: Vom Champions-League-Spieler zum Trainer mit Herz – Povilas Babarskas setzt auf Vertrauen statt Lautstärke

Liebe Leserinnen, liebe Leser.

Wer heute mit Povilas Babarskas spricht, begegnet einem ruhigen, sachlichen und bodenständigen Menschen. Dass hinter seiner Gelassenheit eine beeindruckende internationale Handballkarriere steckt, gerät dabei fast in den Hintergrund.

Ich hatte mit dem Trainer des Drittligisten TV Kirchzell ein schönes und informatives Gespräch. Lest einfach mal rein.

 

Der Litauer, der mit seinen Eltern als Baby nach Deutschland (Recklinghausen) und mit sechs Jahren wieder zurück nach Litauen zog, begann seine handballerische Laufbahn bei Granitas Kaunas und sammelte bereits in jungen Jahren internationale Erfahrung im EHF Challenge Cup. Mit gerade einmal 17 Jahren stand er in der Gruppenphase der EHF Champions League auf dem Parkett – ein Meilenstein in seiner noch jungen Karriere. Es folgten Stationen in Österreich und Slowenien, unter anderem beim Traditionsverein RK Celje, ehe er nach Deutschland wechselte und sich dem TV Großwallstadt anschloss.

Viele Jahre Nationalspieler

Auch für die litauische Nationalmannschaft lief Babarskas viele Jahre auf. In den WM-Play-offs 2015 gegen Russland war er mit zwölf Treffern bester Werfer seines Teams. Dabei liebäugelte er damals auch damit, Basketball Profi zu werden. Doch am Ende siegte doch der Handball! Sehr zur Freude seines leider viel zu früh verstorbenen Vaters Valius Babarskas, der ebenfalls als Handball-Profi aktiv war, in den 1980er Jahren unter anderem den IHF-Pokal gewann und eine echte Handball-Legende in Litauen war. Auch als Trainer war er erfolgreich, trug beispielsweise erheblich zum Aufstieg des HC Westfalia Herne in den 90ern von der Bezirks- bis in die Verbandsliga bei. Die Liebe zum Handball ließ und lässt sich also in der Familie Babarskas nicht verleugnen.

Nach dem Ende seiner aktiven Karriere blieb der Handball sein Lebensmittelpunkt. Beim TV Großwallstadt engagierte er sich intensiv in der Nachwuchsarbeit, trainierte die A-Jugend sowie die zweite Mannschaft, war Co-Trainer der Profis und übernahm nach dem krankheitsbedingten Ausfall von Cheftrainer Michael Roth zwischenzeitlich sogar als Interimstrainer Verantwortung für das Zweitliga-Team – parallel zur Betreuung der zweiten Mannschaft. Hinzu kam das Familienleben mit zwei kleinen Kindern – eine Zeit, die ihm viel abverlangte.

Seit der Saison 2025/26 ist der Inhaber der A-Trainerlizenz Cheftrainer des Drittligisten TV Kirchzell. Im Gespräch spricht der 37-Jährige über Vertrauen in junge Spieler, Verletzungssorgen, seine Trainerphilosophie und darüber, warum im Leistungssport für ihn der Kopf oft wichtiger ist als die reine Qualität.

 

Povilas, wenn Du heute auf Deine erste Saison als Cheftrainer des TV Kirchzell zurückblickst – wie würdest Du sie beschreiben? War sie komplizierter oder anspruchsvoller, als Du es erwartet hattest?

 „Zuerst musste ich den Verein kennenlernen und mir ein Bild von den Strukturen machen. Vor der Saison hatten die Vereinsverantwortlichen durchaus Bedenken, in Abstiegsgefahr zu geraten. Ich habe mir aber einige Spiele aus der Vorsaison angeschaut und relativ schnell gesagt: Nein, wir steigen nicht ab. Ich habe gesehen, dass die Qualität in der Mannschaft vorhanden ist – auch wenn wir im Voraus wussten, dass Joshua Osifo für einige Monate aufgrund seiner Weltreise ausfallen würde.

Meine größte Sorge waren die Verletzungen, die eventuell kommen könnten. Leider hat sich das im Laufe der Saison bestätigt. Immer wieder haben Leistungsträger aufgrund von Verletzungen oder Krankheiten gefehlt. Deshalb mussten Spieler Verantwortung übernehmen, die in der Saison zuvor kaum Spielzeit bekommen hatten.

Wir haben mit den jungen Spielern viele Gespräche geführt und ihnen immer wieder vermittelt, dass sie Verantwortung übernehmen müssen. Ich musste selbst in jungen Jahren schon Verantwortung tragen. Deshalb habe ich meinen jungen Spielern vertraut – und dieses Vertrauen hat sich ausgezahlt. Viele Trainer zögern, junge Spieler einzusetzen. Ich nicht.

Im ersten Jahr als Trainer standen mir in der Vorbereitung nie alle Spieler zur Verfügung. Wenn man sich unsere Testspiel-Ergebnisse anschaut, haben wir diese fast alle verloren. Trotzdem haben gerade die jungen Spieler in dieser Zeit einen riesigen Schritt nach vorne gemacht.

Deshalb ist die vergangene Saison insgesamt schwer zu beschreiben. Es ging ständig auf und ab. Fast jede Woche fiel wieder jemand verletzungs- oder krankheitsbedingt aus und ich musste mir immer wieder etwas Neues einfallen lassen.“

Als Du die Mannschaft übernommen hast – hast Du da vieles verändert und/oder Deine eigene Philosophie eingebracht?

„Nein, so viel habe ich gar nicht umgestellt. In der Vorbereitung haben viele Spieler gefehlt, deshalb wäre das auch gar nicht möglich gewesen. Man darf eine Drittliga-Mannschaft nicht mit einem Profi-Team aus der ersten oder zweiten Liga vergleichen. Dort wird siebenmal pro Woche trainiert, bei uns deutlich weniger.

Natürlich haben wir einige Dinge verändert und meine Vorstellungen nach und nach eingebaut. Aber das war ein Prozess und keine komplette Umstellung von heute auf morgen.“

Du hast vor der Saison gesagt: ‘Wir steigen nicht ab.’ Woher kam diese Überzeugung?

„Ich habe immer gesagt: Wenn wir gesund bleiben, steigen wir nicht ab. Ganz gesund geblieben sind wir zwar nicht, trotzdem haben wir am Ende den neunten Tabellenplatz erreicht. Natürlich wären fünf oder sechs Punkte mehr möglich gewesen, aber angesichts unserer vielen Ausfälle und des kleinen Kaders bin ich mit der Saison zufrieden.“

 

“Warum soll ein Karabatic besser sein als du?”

Du hast es gerade erwähnt – immer wieder musstest Du auf Spieler verzichten. Was war in solchen Phasen für Dich als Trainer die größte Herausforderung?

„Ich glaube, genau das gehört zum Trainerjob. Wenn du als Trainer aufgibst, hast du schon verloren. Es ist unsere Aufgabe, die Mannschaft immer wieder zu motivieren. Einen 30-Jährigen kann ich als Spieler kaum noch verändern. Einen 20-Jährigen dagegen kann ich noch prägen. Das war bei meinem Bruder und mir genauso, als wir aus Litauen ins Ausland gekommen sind. Wir waren mental unglaublich stark und das war wichtig.

Mein Vater hat immer gesagt: ‘Warum soll ein Karabatic besser sein als du? Du bist größer, du bist schneller, du bist schlanker.’ Diese Einstellung hat uns Brüder geprägt. Ich erinnere mich noch an ein Spiel gegen Frankreich. Damals standen Spieler wie Karabatic und Narcisse auf der Platte. Ich habe fünf Tore erzielt und wir haben nur mit einem Tor gegen den Favoriten verloren. Mein Vater hat uns immer wieder vermittelt: Warum sollte jemand besser sein als du? Wenn du dir ständig einredest, dass du etwas nicht kannst, dann wirst du es auch nie schaffen. Man muss Dinge ausprobieren und an sich glauben. Das versuche ich meiner Mannschaft zu vermitteln.”

Der TV Kirchzell setzt bewusst auf junge Spieler. Worauf legst Du bei ihrer Entwicklung besonderen Wert?

 „Das ist bei jedem Spieler unterschiedlich. Jeder bringt seine eigene Persönlichkeit mit. Der eine ist im Angriff stärker, der andere in der Abwehr. Manche lassen nach einem Fehler sofort den Kopf hängen, andere brauchen einen kleinen Schubs in Richtung Selbstvertrauen. Deshalb gibt es kein Patentrezept. Die Entwicklung junger Spieler ist immer ein individueller Lernprozess.“

Mit Mario Stark kommt ein Spieler mit Zweitliga-Erfahrung nach Kirchzell. Du hast selbst noch mit ihm beim TV Großwallstadt zusammengespielt. Welche Rolle traust Du ihm auf und neben dem Spielfeld zu?

„Mario, aber auch Tom (‘Tom Spieß, Anm. d. Red.), müssen Verantwortung übernehmen und als Führungsspieler vorangehen. Mario muss nicht in jedem Spiel acht Tore werfen. Viel wichtiger ist, dass er der Mannschaft mit gutem Beispiel vorangeht.

Gerade die jungen Spieler können enorm von seiner Erfahrung profitieren. Mit Spielern wie Joshua Osifo, Tim Häufglöckner, Tom Spieß, Mario Stark sowie dem jungen Vadim Oskilko und Niklas Ihmer haben wir eine interessante Mischung im Rückraum. Aber auch auf den anderen Positionen sind wir mit jungen und erfahrenen Spielern gut besetzt. Die erfahrenen Spieler müssen die Jüngeren führen, damit sie sich weiterentwickeln, mental stärker werden und nach Rückschlägen nicht sofort den Kopf hängen lassen.“

Welche Schwerpunkte setzt Du in der Saisonvorbereitung?

„Zu Beginn geht es weniger um Taktik. Zuerst stehen Lauf- und Krafttraining auf dem Programm. Danach arbeiten wir mit dem Ball – auch damit sich die Spieler langsam wieder daran gewöhnen und nicht gleich Blasen an den Fingern bekommen. Die taktischen Inhalte kommen Schritt für Schritt dazu.“

Die Staffel Süd-West hat sich verändert. Mit Krefeld als Absteiger und Leutershausen aus der Staffel Süd kommen neue Mannschaften dazu, außerdem sind die Aufsteiger Vallendar und Dormagen II neben den altbewährten Teams dabei. Ist die Staffel dadurch noch stärker geworden?

„Dormagen II kenne ich noch nicht. Ich kenne natürlich die erste Mannschaft. Zweite Mannschaften von Profiklubs sind immer schwer einzuschätzen, weil man nie genau weiß, welche Spieler am Spieltag zur Verfügung stehen. So wird es auch mit Dormagen sein. Vallendar kenne ich ebenfalls noch nicht. Insgesamt wird die Staffel aber sehr stark sein. Mit Mannschaften wie Saarlouis, Gelnhausen, Krefeld, dem Longericher SC Köln, Hanau, Dutenhofen/Münchholzhausen II usw. sind richtig gute Teams dabei.“

Du hast selbst auf internationalem Niveau gespielt. Welche Deiner Erfahrungen prägen Dich aufgrund so einer tollen Karriere heute als Trainer?

„Ich war als Trainer noch nie jemand, der ständig herumschreit. Gerade bei jungen Spielern kann das oft mehr kaputtmachen als helfen. Ich habe immer gerne mit „Schorle“ Michael Roth in der Zeit beim TVG über Handball diskutiert, auch über den Druck, der auf den Spielern lastet. Er hat mir viele wertvolle Tipps gegeben, wie er in seiner langen Karriere sich als Trainer präsentiert hat. Heute tausche ich mich häufig mit unserem sportlichen Leiter beim TV Kirchzell, Gottfried Kunz, aus. Er sagt manchmal scherzhaft, ich würde zu professionell denken. (lacht)

Ich persönlich glaube, dass Druck zum Leistungssport dazugehört. Ich lebe seit meinem 16. Lebensjahr mit Druck und versuche, diese Erfahrung auch an meine Spieler weiterzugeben. Mein Bruder spielt heute beim Bergischen HC in der ersten Liga und stand beim Lidl Final4 in Köln vor rund 20.000 Zuschauern auf der Platte. Ich selbst habe mit RK Celje gegen Zagreb vor etwa 15.000 Zuschauern gespielt. Das waren außergewöhnliche Erlebnisse, die einem beflügeln aber auch hemmen können. Da ist der Trainer gefragt.“

Gibt es Trainer oder Menschen – neben Deinem Vater – die Dich in deiner Laufbahn besonders geprägt haben?

 „Ich hatte im Laufe meiner Karriere viele Trainer in und aus verschiedenen Ländern. Von jedem habe ich versucht, etwas mitzunehmen. Manche Dinge fand ich gut, andere weniger. Als Spieler denkt man oft: ‘Ach, die Trainer haben doch keine Ahnung.’ Aber wenn die Karriere vorbei ist, merkt man häufig, dass sie doch besser waren, als man damals geglaubt hat.

Ich tausche mich viel mit meinem Bruder aus – wir reden über Abwehrarbeit, Stellungsspiel oder taktische Dinge. Ich vertraue ihm sehr. Es gibt nur wenige Menschen, deren Meinung mir wirklich wichtig ist. Mein Bruder gehört dazu. Er sagt mir immer ehrlich seine Meinung – und ich ihm genauso.“

 

“Gedanken aus dem letzten Spiel nicht mit ins nächste nehmen!”

Ich habe Dich in den vergangenen Jahren als Trainer erlebt – egal ob nach Siegen oder Niederlagen. Du wirkst immer ruhig und sachlich. Wie sehr beschäftigen Dich Niederlagen tatsächlich?

„Ich versuche, direkt nach dem Spiel nicht zu emotional zu reagieren. Wenn ich mir die Partie später noch einmal anschaue, sehe ich viele Situationen oft ganz anders. Deshalb möchte ich zunächst immer sachlich bleiben. Wir sprechen über das Spiel – egal ob wir gewonnen oder verloren haben – und dann ist das Thema auch abgeschlossen.

Als ich in Slowenien gespielt habe, hatten wir teilweise zwei oder drei Spiele pro Woche. Da blieb überhaupt keine Zeit, lange über eine Niederlage nachzudenken oder sich über einen Sieg lange zu freuen. Es ging sofort weiter. Auch heute versuche ich, dieses Denken beizubehalten. Zwar haben wir in der dritten Liga meist nur ein Spiel pro Woche, trotzdem sollte man eine Partie möglichst schnell abhaken. Man darf die Gedanken aus dem letzten Spiel nicht mit ins nächste nehmen.

In meiner Profizeit haben wir teilweise mit Mentaltrainern zusammen gearbeitet. In Slowenien zum Beispiel war einer von denen außergewöhnlich gut, Goran Dragić. Er war ein sehr guter Basketballer, war Kapitän und Anführer seines Teams und für seine große mentale Stärke, Motivation und Führungsqualität bekannt. (Goran Dragić war eine Basketball-Legende und hat in vielen guten Clubs weltweit gespielt, Anm. d. Red.) Ich weiß noch, dass er uns vor einem Heimspiel gegen den THW Kiel mental hervorragend eingestellt hatte. Ich meine, wir haben damals sogar gewonnen oder zumindest Unentschieden gespielt. Und das gegen den THW. Daran sieht man, wie viel im Leistungssport über den Kopf läuft.“

 

Mit viel Vertrauen in seine junge Mannschaft, klaren Vorstellungen und der Ruhe, die ihn seit Jahren auszeichnet, blickt Povilas Babarskas optimistisch auf die kommende Saison. Das erste Heimspiel der neuen Runde findet am 29. August um 19.30 Uhr in der Miltenberger Sporthalle statt. 

Vielen Dank an Povilas für das Gespräch und alles Gute für die kommende Saison!

 

Das Bild hat uns der TVK zur Verfügung gestellt. Danke dafür